Zeitzeugen - Geschichtsverein Mühlheim zu Gast

Zeitzeugen - Geschichtsverein Mühlheim zu Gast

1,50 m Abstand und trotzdem so nah

Behutsam steht sie auf, läuft hinkend zu einem Gegenstand am Boden und hebt diesen mit zitternden Händen auf. „Den kann man noch verwenden.“ Den gefundenen Bleistift legt sie auf einen Tisch und geht zurück an ihren Platz. Eine kleine Geste, die am Rande passiert. Die meisten Schüler*innen bemerken es gar nicht. Zu sehr sind sie damit beschäftigt einen Sitzplatz zu finden und die eigenen Sachen bereitzulegen.

Gegen 11:00 Uhr legt sich langsam das Kruscheln in den Reihen. Die geladenen Gäste vom Geschichtsverein Mühlheim am Main sitzen in der Aula der Montessori-Schule Mühlheim, bereit uns ein wenig teilhaben zu lassen an ihrem Leben. Ein Gespräch was uns in eindrucksvoller Art und Weise zeigen wird, wie das Leben nach dem Zweiten Weltkrieg in Mühlheim und Offenbach aussah. Dass es gewiss Spuren in uns hinterlassen wird, wissen wir zu Beginn noch nicht.

Der Vorsitzende des Geschichtsvereins Mühlheim, Herr Karl-Heinz Stier, beginnt mit der Vorstellung der drei geladenen Zeitzeugen. Nach einander erzählen sie von Erlebnissen während des Krieges und der Zeit danach. „Zeit ist ein Mosaik aus vielen prägenden Erinnerungen“, meint Gerda Brinkmann. Vor ihr sieht man verschiedene Utensilien auf dem Tisch. Dinge, die damals einen festen Platz in ihrem Leben hatten. Eines davon ein Poesie-Album, ein Geschenk zur Kommunion mit einem Einband aus Tapete. Viel zu erzählen gab es auch zu dem mitgebrachten Kochgeschirr, das der Quäkerspeisung diente. Was dieses kleine Töpfchen für Leckereien in sich barg, davon berichteten auch Herr Klaus Roth und Frau Ingeborg Fischer. Alle drei betonen „Weggeworfen wurde nie etwas.“ Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen Hunger erlitten, betrachtete man das Wenige, das man hatte als Köstlichkeit, auch wenn die Speisen wenig Abwechslung boten. Frau Ingeborg Fischer erzählte, ihre Mutter war mit ihr auf dem Fahrrad zum Feld gefahren, um dort unerlaubter Weise Rosenkohl zu ernten, damit sie und ihre Familie überhaupt etwas zu essen hatten. „Das schlimmste war die Angst, erwischt zu werden.“ Dieses Erlebnis prägt sie noch heute, sie isst immer noch gerne Rosenkohl.

Für uns kaum vorstellbar in unserer Lebenswelt voller Überfluss an Lebensmitteln. Doch nicht nur daran mangelte es. Wer keine Schiefertafel für die Schule hatte, glättete Mehl- oder Zuckertüten und benutzte diese, um darauf zu schreiben. Immer wieder wird uns bewusst wie sehr sich das Leben dieser Menschen von unserem unterscheidet. In dem Moment fällt mir die eingangs beobachtete Geste ein. Ein Stift, den jemand gedankenlos auf den Boden fallen lies und keine weitere Beachtung der Umstehenden erfuhr, bis diese ältere Dame ihm wieder neuen Wert zuschrieb.

Viel zu schnell verging diese besondere Geschichtsstunde. Doch selbst der offizielle Abschluss der Veranstaltung hielt die Schüler*innen nicht davon ab, noch weiter mit den Zeitzeugen ins Gespräch zu kommen. Mit den geschilderten Erinnerungen erreichten sie uns wie es durch kein Geschichtsbuch möglich ist oder, wie es ein Schüler formulierte, „Das ist echt krass, man. Da schätzt man doch mega das, was wir heutzutage haben. Da weiß man auch unsere heutige Schulbildung zu schätzen.“