Maria Montessori

Liebe statt Drill, Freiheit statt Rohrstock

 

Von Katja Iken, 31.08.2020, Der Spiegel online

 

Maria Montessori kämpfte weltweit für Kinderrechte - 

 

und gab den eigenen Sohn weg. Der zähen Reformpädagogin war jede Hilfe recht. Selbst von Diktator Mussolini.

 Die "Cincinnati" läuft am Morgen des 3. Dezember 1913 in den Hafen von New York ein. Von Bord geht eine hübsche, stämmige Frau, schwarzer Pelzmantel, großer Hut mit Schleier auf dem Kopf. Wie eine Königin schreitet sie die Gangway hinunter - wie ein Star wird sie gefeiert.

Frenetisch jubeln Amerikaner der Italienerin zu, die in der "New York Tribune" als "interessanteste Frau Europas" angekündigt wurde. Eine Frau, die "das Erziehungssystem der ganzen Welt revolutioniert hat", schrieb die Zeitung "Brooklyn Daily Eagle". Sie habe "die Idioten und Irren lesen und schreiben gelehrt", ihre Methode sich "bis nach Korea im Osten, bis nach Honolulu im Westen und im Süden bis in die Republik Argentinien verbreitet".

Sichtlich genießt die Dame den Rummel, obwohl sie kein Wort Englisch versteht. Während ihres USA-Aufenthalts wird die "Dottoressa" in der brechend vollen Carnegie Hall sprechen und von Erfinder Thomas Alva Edison zum Diner eingeladen. Sie verbringt ein Wochenende bei Cornflakes-Millionär Will Keith Kellogg, die Präsidententochter Margaret Wilson führt sie durch Washington.

Ihr Name: Maria Montessori. Die Reformpädagogin wird von Fans als Säulenheilige und Meisterin verehrt, von Kritikern als Opportunistin und herrische Diva geschmäht. Ihr Credo: "Kinder sollen nicht durch Drill geformt, sondern mit Liebe gefördert werden bei der Entwicklung ihrer ureigenen Talente." Freiheit statt Zwang, Selbstständigkeit statt Abhängigkeit - Montessoris Ansatz war revolutionär, ihr Grundsatzwerk "Il metodo" ein Bestseller. Und ihre Zähigkeit beispiellos.

Als Maria am 31. August 1870 in Chiaravalle bei Ancona geboren wurde, konnten rund drei Viertel der über zehnjährigen Italiener weder lesen noch schreiben. "Das Erziehungswesen ist das finsterste Kapitel in der italienischen Sozialgeschichte", schrieben die britischen Historiker Bolton King und Thomas Okey 1901. Die Elementarschulpflicht wurde erst 1877 eingeführt und selten durchgesetzt, Kinderarbeit war vor allem in der Landwirtschaft und im Bergbau verbreitet.

Die italienische Grundschule, so Montessori-Biografin Rita Kramer, war damals meist überfüllt und schmutzig, der Lehrerberuf schlecht angesehen und miserabel bezahlt. Es regierten Drill, Paukerei, Rohrstock. Für Maria, einziges Kind eines Finanzbeamten und einer tief religiösen Mutter, stand fest: Lehrerin, so die väterliche Berufsvorstellung, kommt für sie nicht infrage.

Gegen den Willen ihres Vaters besuchte sie die technische Oberschule, wollte erst Ingenieurin und dann Ärztin werden - als eine der ersten Italienerinnen. Jahrelanges Mobbing war die Folge: Lief die Medizinstudentin Montessori über die Flure, feixten die Kommilitonen; den Hörsaal durfte sie erst betreten, wenn die Herren Studenten saßen.

Aufrecht schritt Montessori an den Sitzreihen vorbei. Als die jungen Männer die Backen aufblähten, um verächtlich zu prusten, soll sie gemurmelt haben: "Je kräftiger ihr blast, desto höher kann ich steigen." Montessori überstand alle Schikanen. Selbst dass sie allein am Abend im Anatomiesaal arbeiten musste - undenkbar, dass eine Frau in Anwesenheit von Männern nackte Körper sezieren würde.

"Warum bin ich hier allein inmitten all dieses Todes?", klagte Montessori. Sie gruselte sich, biss die Zähne zusammen, präparierte weiter. Um den Leichengeruch zu ertragen, engagierte sie einen Raucher; schließlich griff sie selbst zur Zigarette. Mit Bestnoten schloss Montessori ihr Studium ab, mit Charme, Intelligenz und Zähigkeit stach sie die männliche Konkurrenz aus.

Den Gegenwind brauchte Montessori, als junge Frau beherzte Feministin, wie die Luft zum Atmen. Als sie später längst berühmt war, schrieb sie einer Freundin: "Mir fehlt der Ansporn durch den Kampf!" Zur Pädagogik kam die Ärztin 1897 nach dem Besuch einer römischen Psychiatrie. Dort wurden ihr kleine Patienten vorgestellt, die apathisch vor sich hindämmerten, eingesperrt in einem

Die Kinder führten sich auf wie gierige Tiere, schimpfte die Wärterin: Kaum werde das Essen abgeräumt, würden sie sich auf den Boden werfen und nach den Brotkrümeln grapschen. Die Krümel, erkannte Montessori, waren das Einzige, womit sich die vermeintlichen "Idioten" beschäftigen konnten. Das Einzige, was sie aus ihrer Lethargie riss.

Wenn man diesen Patienten nur das richtige Lehrmaterial in die Hände leg

te, so Montessoris These, würden auch sie sich entfalten, ihre Fähigkeiten entdecken. Statt nur verwahrt sollten behinderte Kinder mit speziellen Materialien gefördert werden, um die Welt mit allen Sinnen zu begreifen.

 

"Hilf mir, es selbst zu tun", lautete die Montessori-Maxime.

 

Später übertrug sie ihre Methode auf gesunde Kinder, auch sie "Baumeister" ihrer eigenen Menschwerdung. 1907 eröffnete das erste "Kinderhaus" im römischen Armenviertel San Lorenzo. Aus aller Welt kamen Neugierige nach Rom, um das "Wunder von San Lorenzo" zu bestaunen: Unter Montessoris Hand mutierten verdreckte, desinteressierte Analphabeten zu properen, konzentrierten All das, weil Montessori sie nicht belehrte, sondern begleitete. Und vor dem Monster "Ombius" beschützte, wie Montessori die familiär-gesellschaftliche Sphäre taufte. Ein Hort der Unterdrückung, wo Eltern ihre Kinder unter dem Deckmantel der Liebe verformten und ihrer Persönlichkeit beraubten.

Am 31. März 1898 kam Mario M. Montessori in Rom zur Welt. Vater war Montessoris erste und einzige Liebe, der Psychiater Guiseppe Montesano. Montessori hatte ihre Schwangerschaft verheimlicht und das Baby zu einer Amme aufs Land geschickt. Mit sieben kam der Junge in ein Internat. Montessori besuchte ihn zwar, nahm Mario aber erst mit 15 Jahren zu sich.

Biografin Kramer zufolge hatten die Eltern des Paares darauf gedrängt, das unehelich geborene Kind abzugeben, um die gesellschaftliche Schmach abzuwenden. Montessori hätte auch den Vater heiraten können. Dann jedoch wäre ihr der eigene Beruf verwehrt gewesen. Und der war ihre Lebensaufgabe, die Montessori, rastlos um die Welt reisende Missionarin, mit allen Förderern paktieren ließ.

Sogar mit dem einstigen Grundschullehrer Benito Mussolini. Wie Montessori eine charismatisch-autokratische Führernatur, die ihre Anhänger wie Jünger um sich scharte - und einen neuen Menschen erschaffen wollte. Zur "Heldin des Vaterlandes" verklärte der Diktator sie 1927. Montessori lobte Mussolini in einem Brief noch 1931 als "Kämpfer", der "zu gewinnen wusste, ohne zu töten, und der sich sowohl im Kampf als auch im Sieg von der Liebe statt vom Hass leiten ließ".

Beide hofften, voneinander zu profitieren, wie die niederländische Historikerin Marjan Schwegman herausgearbeitet hat: Mussolini wollte vor allem das internationale Renommee der Pädagogin für seine Zwecke nutzen - und Montessori mit Hilfe des mächtigsten Italieners die Verbreitung ihrer Lehre stärken, die im Ausland viel populärer war als in der eigenen Heimat.

"Mir bleiben nur noch wenige arbeitsame Jahre", schrieb Montessori dem "Duce" 1928 in einem Brief. "Und nur Ihr Schutz, der Hindernisse beseitigt und Mittel zur Verteidigung dieses großen Werkes verschafft, kann dafür sorgen, dass ich die übrig bleibende Energie dazu nutzen kann, um den Entwurf zu vollenden, den die göttliche Vorhersehung skizziert hat, damit Kindern der ganzen Welt geholfen werden kann."

Montessoris Werben hatte Erfolg: Das Regime gab die Lehrwerke der Pädagogin neu heraus, produzierte ihre Lehrmaterialien, bot Trainingskurse an. Und Mussolini übernahm den Ehrenvorsitz der 1924 gegründeten "Opera Nazionale Montessori". Italienweit wuchsen die vom faschistischen Regime unterstützten Montessori-Einrichtungen auf über 70 an.

Die Frau, die leidenschaftlich für den Weltfrieden und eine bessere Gesellschaft stritt, die dreimal für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen war - sie ließ sich sponsern von einem Mann, dessen Herrschaft auf Krieg und Gewalt basierte.

Dieses Dilemma gehört ebenso zu Montessori wie etwa der Umstand, dass die Reformpädagogin zwar auf Freiheit der Kinder pochte, deren spontane Äußerungen - Herumtoben, Lärmen, Fantasieren - jedoch missbilligte. Dass sie Bescheidenheit predigte und Luxus liebte. Dass sie Spielzeug ablehnte, ihrem Sohn aber welches mitbrachte. Was Mario, so eine der vielen Montessori-

Anfang der Dreißigerjahre endete die Mesalliance zwischen Diktator und Pädagogin: zu unvereinbar die Ziele, zu gegensätzlich das Menschenbild. Mussolini schmähte Montessori nun als "Nervensäge", in Italien wurden ihre Einrichtungen 1934 ebenso geschlossen wie in Deutschland nach dem Machtantritt der Nazis. Montessori floh erst nach Barcelona, dann nach Indien, wo sie verehrt wurde wie ein Guru - und erstmals seit der Trennung von Montesano nicht mehr ausschließlich Schwarz trug.

Mit dabei: Sohn Mario, der nicht mehr von ihrer Seite wich, wo immer sie auftrat. "Weißt du, eines Tages werde ich an einen Ort gehen, an den du mir nicht folgen kannst", erklärte Montessori ihrem Sohn zufolge am 6. Mai 1952 beim Plausch in ihrem niederländischen Refugium in Noordwijk aan Zee. "Du wirst nirgendwo hingehen, wohin ich dir nicht folgen kann", konterte Mario empört und ließ die 81-Jährige kurz allein.

Als er zurückkehrte, war Maria Montessori tot.

 

Ihre Ideen aber sind bis heute lebendig - in mehr als 25.000 Montessori-Einrichtungen auf der ganzen Welt.